Leseprobe:

Zwischen Tüll & kartoffeln wächst manchmal Liebe

Kapitel 1


Die Fenster des Hochzeitshauses Limbrecht lagen hell erleuchtet vor mir, die Brautkleider in der Auslage funkelten unter den Spots, die sie von der Decke aus anstrahlten. Ein paar Sekunden nahm ich mir die Zeit, innezuhalten, saugte die Details eines Vintage-Modells ein, dessen Tüllrock durch den farbigen Unterstoff rosig schimmerte. Automatisch verspürte ich das Bedürfnis, über die teuren, französischen Spitzenelemente zu streichen. Es war eines meiner Lieblingsmodelle; stundenlang könnte ich es betrachten, die feinen Details bewundern, die Auswahl der Stoffe, den perfekten Schnitt. Oft hatte ich mir vorgestellt, selbst in einem Kleid wie diesem vor den Altar zu treten. Während ich geräuschvoll ausatmete, dachte ich an Alexander, und der Traum von mir im Brautkleid zerplatzte wie eine Seifenblase. Auch nach drei Wochen konnte ich nicht aufhören, mich zu fragen, ob es Anzeichen gegeben hatte, die mir entgangen waren. War ich zu blöd gewesen, sie zu erkennen, oder hatte ich sie nicht sehen wollen?
Mit meinen Handrücken wischte ich mir stöhnend über die Augen, weigerte mich, diesem Blödmann noch länger hinterherzutrauern. In den letzten Wochen hatte ich genügend Tränen vergossen, um damit eine Dürre in Afrika zu verhindern. Welch eine Verschwendung hier in Hamburg Anfang Dezember! Ich schwankte zwischen dem Bedürfnis, wie ein trotziges Kind vor Wut mit dem Fuß aufzustampfen, und einem monsunartigen Heulanfall.
Ein letztes Mal atmete ich tief durch, schloss dabei die Augen und versuchte daran zu denken, wie sehr ich es liebte, hier zu arbeiten. Die Bräute zu beraten, das perfekte Modell für sie zu finden und ihnen Taschentücher zu reichen, wenn sie Freudentränen vergossen, wenn sie ihr Kleid fanden.
Sollte es da nicht egal sein, dass meine Chefin die Mutter meines Exfreundes war? Meines miesen, mich betrügenden Exfreundes? Wieder wollte ich mit dem Fuß aufstampfen. Warum war die Welt so verflucht ungerecht? Meine Finger ballten sich zu Fäusten, und ein merkwürdiger Laut verließ meine Kehle, irgendwo zwischen Knurren und Schluchzen.
Ein älterer Herr, der vorbeiging, bedachte mich mit einem fragenden Blick. Laut seufzend wendete ich mich zur Ladentür und drückte sie auf. Sofort kam mein Ex-Schwiegerdrache, Marie Limbrecht, angerauscht. Die rot gefärbten Haare hochtoupiert, in dem Versuch, die lichten Stellen zu verbergen, den roten Lippenstift zu dick aufgetragen und die Brille im Stil der Fünfzigerjahre war ebenfalls einen Tick drüber.
„Frau Wagner! Das wurde aber auch Zeit. So geht das nicht. Ihre privaten Probleme dürfen Ihre Arbeit nicht beeinträchtigen.“
Verwirrt checkte ich die Uhrzeit auf meinem Handy, fünf Minuten vor acht. Beruhigt stellte ich fest, dass ich vor dem Schaufenster nicht in ein Zeitloch gefallen war, sondern absolut pünktlich war. Auch drei Jahre Beziehung mit ihrem Sohn hatten Marie Limbrecht nicht davon abbringen können, mich zu siezen.
„Aber …“, begann ich und schälte mich dabei aus meinem Mantel.
„Amalia Sporrer kommt um Viertel nach acht zur finalen Anprobe, Frau Kamp hat keine Zeit, Sie müssen das übernehmen“, schnitt sie mir das Wort ab.
Ich suchte den Blick von Frau Kamp, die niemand anderes als meine Freundin Nadine war, die unschlüssig vor der Treppe zur ersten Empore stand. Sie zuckte mit den Schultern und tippte sich mit einem Finger an die Stirn, um mir zu verstehen zu geben, dass unsere Chefin einen Knall hatte. Die konnte zum Glück nicht sehen, wie ausdrucksstark Nadines Zeichensprache war, weil sie ihr den Rücken zugewendet hatte.
„Kein Problem“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und drehte mich von Frau Limbrecht weg, um meine Sachen in den kleinen Raum für uns Angestellte zu bringen, dabei ging ich an Nadine vorbei und zog eine Grimasse.
Als ich meinen Mantel in den Spind hängte, trat Nadine hinter mich und schloss die Tür.
„Es tut mir leid, sie besteht darauf, dass ich einen ihrer Termine übernehme, sie ließ sich nicht umstimmen.“
Ich nickte. „Schon okay, du kannst nichts dafür.“
„Sie tut gerade so, als hättest du Alexander betrogen und nicht andersrum“, schnaubte Nadine. „Wahrscheinlich erinnerst du sie daran, dass ihr ach so perfekter Sohn eben nicht ach so perfekt ist, wie sie es gerne hätte.“
Die Wetterwarnung verkündete bereits wieder Monsungefahr und ich rieb mir über die Augen.
„Nicht weinen, Lene, er ist es nicht wert.“ Sie zog mich in ihre Arme.
„Ich weiß“, murmelte ich. Leider war das noch nicht vollständig bei meinem Herzen angekommen.
„Kommst du heute Abend mit ins Blue Harbour?“, fragte Nadine, nachdem sie mich aus ihrer Umarmung entlassen hatte. „Tessa kommt auch, Claudia kann leider nicht, aber wir machen es uns zu dritt schön. Das ist genau das, was du brauchst. Wenn es sein muss, spendiere ich dir im Anschluss einen Lapdance in irgendeinem Stripschuppen auf dem Kiez, wenn ich dir damit ein Lächeln entlocken kann.“
Sie schaute mich an wie ein Hundewelpe, der ein Stück Wurst haben wollte. Aber ich wusste, sie versuchte nur, mich aufzumuntern.
„Ich überlege es mir“, erwiderte ich matt und versuchte dabei, meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen, bevor ich unseren Angestelltenbereich verließ.
„Mit Happy End, wenn du willst“, rief sie mir hinterher und entlockte mir mit dieser Bemerkung ein kleines Lächeln. Das erste echte seit zwei Wochen und fünf Tagen.
Freundinnen wie Nadine zu haben, war wahrlich ein Glück. Wir gaben ein gutes Quartett ab, Nadine, Tessa, Claudia und ich. Seit der Oberstufe hatten wir unzählige Partys zusammen unsicher gemacht, hatten Beziehungen kommen und gehen sehen. Aber unsere Freundschaft, die war echt, die hatte Bestand. Nach dem Abi hatten sich unsere Wege getrennt, ich hatte mich für eine Ausbildung zur Schneiderin entschieden, Tessa und Claudia hatten BWL studiert und arbeiteten jetzt im Marketing, in derselben Firma wie Alexander. Nadine hatte Schau- und Werbegestalterin hier im Hochzeitshaus Limbrecht gelernt, in einem der nobelsten Adressen Hamburgs, und danach eine Festanstellung als Verkäuferin erhalten. Ich hingegen hatte mich als Schneiderin mit eher schlecht bezahlten Jobs herumgeschlagen; deswegen hatte ich mich dazu entschieden, zusätzlich eine Schule für Modedesign zu besuchen. Während der Weiterbildung auf der Modeakademie hatte Nadine mir einen Job in der hauseigenen Schneiderei des Hochzeitshauses besorgt, auf die Art konnte ich mir die Modeschule leisten und Erfahrungen sammeln. Brautkleider hatten es mir schon immer ganz besonders angetan. Deswegen hatte ich nach der Modeschule auch ohne zu zögern die Vollzeitstelle in der Brautberatung angenommen, die Marie Limbrecht mir angeboten hatte. Obwohl es einst mein Traum gewesen war, einen eigenen Laden zu eröffnen. Bis vor drei Wochen war ich dennoch zufrieden mit meinem Leben gewesen. Die Arbeit hatte an den meisten Tagen Spaß gemacht, und ich hatte einen tollen Freund, der nur leider nicht so toll war, wie ich gedacht hatte, und der Anblick seiner Mutter erinnerte mich jeden Tag daran. Drei Jahre waren wir ein Paar gewesen, und er hatte es einfach weggeworfen. Für einen One-Night-Stand, der ihm nicht einmal etwas bedeutet hatte, wie er mir danach tausendmal versichert hatte. Ja, warum hatte er es denn gemacht, wenn es so bedeutungslos gewesen war? Hätte ich nicht zufällig eine SMS gelesen, hätte er wahrscheinlich weiterhin irgendwelche Tussen abgeschleppt, während ich unsere Zukunft mit Eigentumswohnung, Hund und 1,4 Kindern geplant hätte. Immer, wenn ich an seinen Betrug dachte, sammelte sich unbändige Enttäuschung in mir, die Löcher in mein Herz fraß. Mit aller Macht verbannte ich ihn aus meinen Gedanken, denn der Arbeitstag würde auch ohne Alexander in meinem Kopf anstrengend werden.


Gerade als ich die drei Stufen von der Zwischenetage ins Erdgeschoss hinunterging, schwang die Ladentür auf, und Amalia Sporrer samt ihrer Entourage trat ein. Ihre langen blonden Haare lagen in perfekten Wellen über ihren zarten Schultern. Der Mund sah dank Hyaluronsäure aus wie ein chronischer Schmollmund. Ich zwang mir ein Lächeln auf und eilte auf sie zu.
„Amalia, schön, Sie zu sehen. Ich werde heute mit Ihnen die finale Anprobe machen. Das wird ein ganz besonderer Moment“, verkündete ich betont fröhlich.
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie mich von oben bis unten musterte.
Ein „Hmpf“ verließ ihre aufgespritzten Lippen.
„Sind Sie genauso qualifiziert wie Ihre Kollegin?“
Ob ich qualifiziert war? Um ihr Kleid perfekt an ihren Körper anzupassen? Sicherlich. Um ihren verwöhnten Arsch zu pudern? Wahrscheinlich nicht.
„Ich werde mein Möglichstes tun, Sie zu einer zufriedenen Braut zu machen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen, und möchten Sie und Ihre Freundinnen zur Einstimmung ein Gläschen Champagner?“, flötete ich mit zuckersüßer Stimme. Es war zwar erst kurz nach acht am Morgen, aber ich war mir sicher, dass das für die Damen mit Hauptberuf Tochter nicht relevant war.
„Aber nur den Moët Rosé“, erwiderte sie mit einem Seufzen, während sie mir ihren Mantel in die Hand drückte, ihre beiden Freundinnen taten es ihr nach. Ich würde auch gerne seufzen, verkniff es mir aber. Während ich unter dem Gewicht ihrer Designermäntel mit Echtpelz langsam in die Knie ging, fragte ich mich, ob es abgesprochen war, dass eine blond, eine braunhaarig und eine rothaarig war. Bis auf die Haarfarbe matchten sie perfekt, wie man so schön sagte. Gleicher Schönheitschirurg und Handtaschen im Wert von drei Monatsgehältern. Meinen Monatsgehältern, verstand sich.


Nachdem ich die Roben der Damen sorgfältig weggehängt und sie dabei wegen der Pelzkrägen zum Teufel gewünscht hatte, versorgte ich sie mit Moët Rosé. Danach holte ich das Kleid. Amalia hatte es vor sechs Monaten bei uns ausgesucht, und damals hatte mir Nadine leidgetan. Amalia hatte es ihr nicht leicht gemacht, aber Nadine war es letztlich gelungen, das perfekte Kleid für sie zu finden. So ein Kleid würde ich persönlich nicht tragen, aber zu Amalia passte es. Eine mit Kristallen besetzte Korsage und ein ausladender Tüllrock, benetzt mit Swarowski-Steinchen. Es funkelte und glitzerte, ohne dabei kitschig zu wirken.
Amalia kicherte und klatschte freudig in ihre Hände, als ich das Kleid aus seinem Schutzmantel befreite.
„Legen Sie doch bitte in der Kabine Ihre Kleidung ab, ich bin Ihnen dann gleich beim Anziehen behilflich.“
Ich wartete einen Moment, ehe ich zu ihr in die Kabine trat. Nicht nur ihre Lippen hatten zusätzliches Volumen erhalten, ihre Brüste ebenfalls. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte, als sich mir ihre rosigen Nippel von den perfekt stehenden Brüsten entgegenreckten. Ein BH wäre definitiv verschwendet an ihr.
Das Kleid war bedingt durch die vielen Schichten Tüll und unzähligen Steinchen schwer, aber es gelang mir, es ihr über den Kopf gleiten zu lassen, ohne ihre Haare durcheinanderzubringen.
Erleichtert stellte ich fest, dass es perfekt saß. Nadine hatte beim Abstecken ganze Arbeit geleistet, genau wie unsere Schneiderinnen. Es war makellos.
Amalia trat aus der Kabine in den Bereich mit den Spiegeln. Ihre Freundinnen hatten es sich derweil auf einem Sofa gemütlich gemacht, die Champagnerflöten in den manikürten Händen. In Gedanken beschwor ich sie, sich angemessen begeistert zu zeigen über Amalias Anblick.
Die Braut in spe schritt zum Spiegel, wo sie sich hin und her drehte. Sie begann zu lächeln, und ich schöpfte Hoffnung.
„Ich sehe großartig aus, nicht wahr?“
Zustimmend nickte ich.
„Einfach umwerfend, Amalia, Ferdinand wird entzückt sein“, sagte der Rotschopf.
Erleichtert wagte ich es, auszuatmen.
Dann ging Amalia dichter an den Spiegel, beugte sich vor und wieder zurück, sie kräuselte die Nase, und ich schloss für eine Sekunde die Augen, schickte ein Stoßgebet zum Himmel, das leider nicht erhört wurde.
„Nur hier, da wirft es eine Falte. Das geht so nicht.“
Sie deutete auf den Bereich unter ihrem üppigen Dekolleté.
Ich begutachtete die Stelle; die Falte war kaum vorhanden und rührte von ihrer riesigen Brust her in Kombination mit der Hungerhakentaille. Fragte man Barbie, hätten ihre Kleider dort sicherlich ähnliche Falten.
Lächelnd versicherte ich ihr: „Es ist ganz normal, dass sich der Stoff dort so verhält, wenn Sie sich bewegen. Sobald Sie aufrecht stehen, ist es nicht mehr sichtbar.“
Ihre Lippen zuckten. „Ich will diese Falte da nicht. Machen Sie sie weg.“ Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass sie mir ansonsten ihre nicht so barbiehafte Seite zeigen würde.
„Ich werde sehen, was ich tun kann. Wir möchten natürlich, dass alles perfekt ist“, beteuerte ich und markierte die Falte, die gar keine war, mit einer Stecknadel und half Amalia anschließend aus dem Kleid.
„Es wird einen Moment dauern, bitte sagen Sie einer der anderen Kolleginnen Bescheid, wenn Sie etwas brauchen sollten“, entschuldigte ich mich bei ihr und eilte dann mit dem Kleid in die dritte Etage, wo die Schneiderinnen ihr Reich hatten.
„Hey, Lene“, begrüßte mich Brigitte. Sie beäugte den Tüllberg auf meinem Arm und schob ihre Brille ein Stück herunter. „Wir haben schon drei Änderungsrunden hinter uns, ich mache da gar nichts mehr dran. Es ist perfekt.“
„Aber sie …“
„Nee, Lene, echt nicht. Die wird nie zufrieden sein.“
Langsam schwante mir, warum die Chefin mir diesen Termin aufgebrummt hatte: Sie hatte geahnt, dass es in einem Fiasko enden würde, und wollte mir damit eins reinwürgen. Aber nicht mit mir.
„Darf ich mal.“ Ich schob mich an Brigitte vorbei, um mich an ihren Nähtisch zu setzen. Mit gekonnten Handgriffen wechselte ich das Nähgarn in der Maschine.
„Lene …“, drohte Brigitte.
„Ich weiß, was ich tue“, versicherte ich ihr, ohne von dem Kleid aufzusehen.
„Wenn ich hier einen Miniabnäher im Innenfutter mache, könnte es sein, dass dadurch der Oberstoff der Korsage etwas glatter wirkt“, murmelte ich mehr zu mir selbst, konnte aber im Augenwinkel sehen, wie Brigitte neben mir nickte.
„Könnte sein.“
Tief durchatmen. Die Maschine lief an, und sofort fühlte ich mich in meinem Element, surrend glitt sie über den Stoff und hinterließ eine perfekte Naht. Ich vermisste es, hier oben zu arbeiten.
Zehn Minuten später saßen die Abnäher auf beiden Seiten und ich schaute lächelnd auf.
„Viel Glück!“, sagte Brigitte, und ich bildete mir ein, es schwang etwas Anerkennung in ihrer Stimme mit. Aber es blieb mir keine Zeit, mich darüber zu freuen. Hastig raufte ich die Robe zusammen und eilte zurück in die Verkaufsetage. Dort trommelte Amalia bereits ungeduldig mit ihren Fingern auf ihrem Bein, obwohl ich keine dreißig Minuten weg gewesen war. Andere Kundinnen mussten oftmals über eine Stunde warten.
„Dann bitte noch einmal in die Umkleide.“
Amalia schlüpfte ein zweites Mal in ihren Glitzertraum, schritt zum Spiegel, um sich dort, wie zuvor, kritisch zu begutachten. Die Wangen ihrer Begleiterinnen glühten mittlerweile rot von der Prickelbrause.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich jede Regung in Amalias Gesicht genauestens verfolgte, räusperte sie sich. Wie auf Knopfdruck zogen sich meine Mundwinkel nach oben.
„Ich denke, so ist es annehmbar“, fällte sie ihr Urteil und sprach damit meine Begnadigung aus. Wäre sie jetzt nicht zufrieden gewesen, hätte ich Marie Limbrecht holen und zugeben müssen, dass ich mit dem Problem nicht allein fertig geworden war. Erleichtert stieß ich die Luft aus; ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie angehalten hatte.
„Wenn Sie zufrieden sind, sind wir es auch. Noch ein Gläschen, um Ihr perfektes Kleid zu feiern?“