Leseprobe

Geküsst in Tüll & gummistiefeln

KAPITEL 1
Die Henne gackerte aufgebracht, als ich meine Hand in das Nest schob, um ihre Eier zu stibitzen. Sanft schubste ich sie zur Seite, woraufhin sie sich abermals lauthals empörte, ehe sie davonstolzierte.
„Ach, Hilli, du warst schon immer eine Dramaqueen“, murmelte ich dem Huhn hinterher, als mein Handy anfing zu vibrieren. Etwas umständlich fischte ich es aus meiner Hosentasche.
Nach einem Blick auf das Display nahm ich den Anruf an und klemmte mir das Handy zwischen Ohr und Schulter ein.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte ich meinen Opa Hein ohne eine Begrüßung, immerhin hatten wir uns erst vor einer Stunde beim Frühstück gesehen. Früher war er immer in den Stall gekommen, um mich zu suchen. Aber seit die alte Verletzung an seinem Bein ihm mehr und mehr zu schaffen machte, war er nur noch langsam unterwegs. Vor vielen Jahren war er von einem hochbeladenen Strohwagen gestürzt und hatte sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen. Weil ich es nicht mehr mit ansehen konnte, wie er unter Schmerzen über den Hof humpelte, hatte ich ihm ein altes Handy besorgt und ihm erklärt, wie er mich damit erreichte. Seither nutzte er diese Möglichkeit gerne, um mich auf unserem Hof Friesenlande ausfindig zu machen.

„Ähm, Sönne, mien Deern. Kum doch int Huus, wi hem Besök“, zerriss Opas kratzige Stimme meine Gedanken.
„Besuch?“, fragte ich und überlegte, ob ich eine Gästeanmeldung vergessen hatte. Aber dass er Plattdeutsch mit mir sprach, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nervös war oder mit seinen Gedanken woanders. Seit jeher redete er Hochdeutsch mit mir. Damit ich es im Deutschunterricht leichter hatte, war stets seine Erklärung gewesen. Was ich für Blödsinn hielt. Konnten die Kinder der Landwirte doch ebenso gut Hoch- wie Plattdeutsch reden.

Es raschelte in der Leitung, ehe das Besetztzeichen ertönte und ich mein Handy zurück in meine Hosentasche steckte. Mein Opa Hein, der mit vollem Namen Heinrich hieß, war kein sehr gesprächiger Mann und mochte auf andere grummelig wirken, aber ich war bei diesem Kauz aufgewachsen und wusste, wie groß sein Herz war. Seit dem Tag des Autounfalls, der mir meine Eltern und ihm die Tochter genommen hatte, war er zwar ein gebrochener Mann, trotzdem hatte er mich aufgenommen und sein Bestes gegeben, um mir die Eltern zu ersetzen. Wo wäre ich sonst gelandet? Mein Onkel Olaf, der Bruder meiner Mutter, war damals noch zu jung gewesen, um sich um ein Kind zu kümmern. Und die Eltern meines Vaters wohnten weit weg. Ich hatte sie nun schon seit Jahren nicht gesehen. Ich vermutete, mein Anblick erinnerte sie zu sehr an ihren Sohn, und sie konnten diesen Schmerz nicht ertragen. Das bewies nur, wie dankbar ich meinem Opa sein sollte. Er ertrug es, jeden Tag ein Abbild seiner Tochter und zu einem Teil auch seiner eigenen Frau vor sich zu haben. Immer, wenn er mich ansah, wurde er an den Verlust von diesen geliebten Menschen erinnert. Aber er ließ mich das niemals spüren.

Wo waren meine Gedanken nur schon wieder hingewandert? Ich schüttelte die traurigen Erinnerungen ab, verstaute rasch die Eier aus den anderen Nestern in dem Beutel, den ich aus der Vorderseite meines T-Shirts geformt hatte. Auf diese Art sammelte ich, seit ich ein Kind war, die Eier ein. Alle Versuche meines Opas, mir das auszutreiben und mich mit einer Eierpappe in den Stall zu schicken, waren erfolglos geblieben.

Mit meiner Ausbeute im T-Shirt lief ich auf dem Rückweg an der südlichen Hausweide vorbei, so viel Zeit musste sein. Dort waren die Ponys Lillifee, Thea, Theo und der Esel Egon untergebracht. Alle grasten friedlich und genossen die noch morgendlich frische Luft. Später, in der Mittagshitze, würden sie im Schatten der alten Bäume dösen.

 

Meine dreckigen Gummistiefel streifte ich vor dem Eingang unseres alten Friesenhauses ab und ging barfuß über den kalten Terrazzoboden, der ebenso alt war wie mein Opa, direkt zur Küche. Dort fand ich meinen Opa Hein am Küchentisch vor. Ihm gegenüber saß ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er trug einen teuren Anzug, das konnte selbst ich erkennen, obwohl ich Männern in Anzügen eigentlich nur auf Hochzeiten oder Beerdigungen begegnete. Viel zu aufrecht saß der Fremde an dem alten Holztisch, eine Kaffeetasse vor sich, die Beine elegant übereinandergeschlagen, die dunklen Haare mit Gel in Form gebracht. Ich schätzte ihn auf Anfang dreißig.

Zögerlich betrat ich den Raum. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, ließ mich trotz der sommerlichen Temperaturen frösteln. War er ein Mitarbeiter unserer Bank? Schon länger befürchtete ich, dass die Finanzen uns Schwierigkeiten bereiteten, aber mein Opa weigerte sich hartnäckig, mit mir darüber zu sprechen. Er wollte einfach nicht verstehen, dass ich kein kleines Mädchen mehr war, und versuchte nach wie vor, alle Probleme von mir fernzuhalten.

„Hätte ich gewusst, dass wir Besuch bekommen, hätte ich mir was anderes angezogen. Sie müssen von der Bank sein …“ Ich trat neben meinen Opa, legte ihm eine Hand auf die Schulter, während ich mich bemühte, den Fremden freundlich anzulächeln. Er sah gut aus, und meine Wangen wurden warm. Sicherlich machte mein Aufzug keinen guten Eindruck bei jemandem, der unsere Geldangelegenheiten verwaltete.

„Herr Beck kommt aus Hamburg, er ist nicht von der Bank …“

Nicht? War er vielleicht ein Notar? Würde gleich mein größter Traum in Erfüllung gehen, und Opa übergab mir die Zügel auf dem Hof? Mein Herz klopfte plötzlich laut hinter meinen Rippen. Nervös strich ich eine Haarsträhne zurück, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte. Aber warum sollte ein Notar aus dem zweihundert Kilometer entfernten Hamburg zu uns kommen? Dieser Herr Beck starrte mich an, genauer gesagt meine Körpermitte. Seinem Blick folgend bemerkte ich, dass ich immer noch die Eier in mein T-Shirt gewickelt hatte und ein Streifen meines nackten Bauches über dem Hosenbund hervorblitzte. Schlagartig kehrte die Hitze in meine Wangen zurück, und ich trat an die Spüle, wo ich begann, ein Ei nach dem anderen herauszunehmen.

„Er ist nicht von der Bank“, wiederholte mein Opa, als wäre er sich plötzlich selbst nicht mehr sicher, warum der Mann hier war. Erneut zögerte er, brach mitten im Satz ab.

„Ich bin hier, um Friesenlande zu kaufen“, kam ihm Herr Beck zu Hilfe, und mein Herz setzte kurzzeitig aus.

Was?

Die Eier knacksten, als sie auf dem Boden aufschlugen...

 

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