Leseprobe (Kein) Traummann in Sicht

Kapitel 1

 

Der Ärmel des Hemdes hatte sich in den anderen Wäschestücken verheddert, als ich es aus dem Korb herauszerrte. Mit einem energischen Ruck gelang es mir schließlich, es zu befreien. Fünf Oberhemden in Tönen von Weiß bis Hellblau hingen bereits feinsäuberlich gebügelt am Schlafzimmerschrank. Ich breitete das sechste auf dem Bügelbrett aus und schob das heiße Eisen langsam über den Stoff. Zu sehen, wie das knitterige Material sich glättete, beruhigte mich. Dabei stellte ich mir Frau Heilmanns Gesicht auf dem Hemd vor und fuhr öfter als nötig über diese Stelle. Ingeborg Heilmann war seit geraumer Zeit meine neue Vorgesetzte in der Appartementvermietung. Eigentlich liebte ich meinen Job auf Sylt. Die Mischung aus Büroarbeit und Kundenkontakt gefiel mir, es wurde dadurch nie zu eintönig. Außerdem waren die Gäste, die zu uns kamen, meist gut gelaunt. Wie man halt war, wenn man in den Urlaub fuhr.

Aber diese Idylle wurde durch die Allüren meiner neuen Chefin getrübt. Von Zeit zu Zeit mutierte sie zu einem wahren Drachen, darum hatten bereits mehrere der Reinigungskräfte die Flucht ergriffen. Und was machte die Heilmann? Statt sich rasch um Ersatz zu kümmern, verdonnerte sie mich dazu, Appartements zu putzen. Gut, ich hätte vielleicht nicht mal was dagegen, wenn alle mit rangemusst hätten. Aber mein Kollege Daniel, ihr Liebling, der durfte bei ihr im Büro bleiben. Sie bräuchte schließlich jemanden, der ihr zuarbeitet, hatte Daniel auf meine Frage geantwortet, warum er nicht mit anpackte. Dabei war sein Blick wie üblich eine Etage zu tief, auf meine Brüste, gerutscht. Statt ihm und dem Drachen ordentlich die Meinung zu geigen, hatte ich tatsächlich angefangen zu putzen, und dieser Umstand war es, der mich am meisten ärgerte. Dass ich wieder einmal zu gutmütig gewesen war. Warum nur war ich nicht in der Lage, den Menschen Grenzen aufzuzeigen?

„Ich bin zu Hause“, drang die Stimme von Ole in meine Gedanken, und die Haustür fiel mit einem Krachen ins Schloss.

„Verflixt“, rief ich aus, als sich das Gedankenwirrwarr in meinem Kopf auflöste. Jetzt hatte ich eine dicke, fette Falte in Oles Hemd gebügelt. Die würde ich nie wieder rausbekommen. Plötzlich traten mir Tränen in die Augen, wie besessen fuhr ich immer wieder über den Stoff.

„Femke, da bist du ja – ich dachte schon, du bist gar nicht da.“ Ole trat neben mich und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Ich ließ von der Falte ab und lächelte ihn matt an.

„Doch, doch, ich hatte nur einen blöden Tag auf der Arbeit und ...“

„Sorry, Schatz, kannst du mir das beim Essen erzählen? Ich sterbe vor Hunger.“ Demonstrativ legte er eine Hand auf seinen Bauch, der in den letzten Monaten gewachsen zu sein schien, die Hemdsknöpfe standen in dem Bereich deutlich unter Spannung. „Was gibt es heute?“ Erwartungsvoll sah er mich an und erinnerte mich auf eine seltsame Weise an Garfield. Den faulen, verfressenen Kater.

Verwirrt schüttelte ich den Gedanken ab.

„Ich habe noch nichts gekocht, ich bin später nach Hause gekommen, und beim Bügeln, da kann ich am besten abschalten, dabei habe ich dann irgendwie die Zeit vergessen“, rechtfertigte ich mich. Aber warum eigentlich? Warum war es selbstverständlich, dass ich jeden Tag für uns kochte?

„Warum machst du uns nicht schnell etwas? Ich bügele derweil deine Hemden zu Ende“, schlug ich vor.

Ole lächelte mich an, mit diesem Lächeln, von dem er dachte, es sei sexy. Zugegeben, am Anfang unserer Beziehung hatte ich das auch so empfunden, aber jetzt gerade fand ich es einfach nur dämlich.

„Du weißt doch, ich habe zwei linke Hände, wenn es ums Kochen geht.“ Um diese Behauptung zu unterstreichen, überkreuzte er seine Hände und wackelte damit.

„Genau wie beim Bügeln und beim Putzen“, ergänzte ich. Genervt stellte ich das Bügeleisen ab und ging an ihm vorbei in die Küche. Dort fischte ich den Zettel vom Lieferservice von der Pinnwand und wählte die Nummer auf meinem Handy. Ich bestellte zwei Pizzen und eine Calzone extra für Ole. Auf meinem Weg zurück zur Bügelwäsche ging ich in das Wohnzimmer, wo mein werter Freund es sich auf der Couch bequem gemacht hatte und gerade den Fernseher einschaltete.

Seufzend setzte ich mich neben ihn; ich sehnte mich danach, mich endlich über meine Chefin auszukotzen.

„Pizza kommt in zwanzig Minuten“, teilte ich ihm mit.

Er nickte.

„Weißt du, was ich heute auf der Arbeit machen musste?“, startete ich einen neuen Versuch.

„Hm?“, machte Ole.

„Die Heilmann, weißt du, was ...“

„Warte kurz, Femke. Ich will eben die Aktienkurse checken. Das ist wichtig.“

Er tätschelte mein Bein, als wäre ich ein Kind, das ruhig sein sollte, solange die Erwachsenen sich unterhielten.

War das jetzt sein Ernst? Er arbeitete bei der hiesigen Nordküsten Bank und sein Hobby war es, so zu tun, als wäre er ein Investmentbanker. Ich hatte es bisher nicht fertiggebracht, ihm zu sagen, dass er mit seinen Anlagen in Höhe von fünfhundert Euro wohl nie das große Geld machen würde. Warum auch? Warum jemandem die Freude an etwas nehmen, das niemandem wehtat?

Ich stand auf, und um meinem Unmut Luft zu machen, drückte ich den Aus-Knopf am Fernseher. Wortlos ging ich weiter ins Schlafzimmer und ignorierte Oles Protest, der auf meine Aktion folgte.

Mechanisch bearbeitete ich das Hemd, in dem immer noch die riesige Falte prangte. Es dauerte keine Minute, da tauchte der Besitzer des Kleidungsstückes auf.

„Was ist denn los mit dir? Bekommst du deine Periode?“

Ich sah auf und bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. Wie hatte unsere Beziehung sich in den paar Monaten so zum Negativen verändern können? Wir benahmen uns, als wären wir schon zwanzig Jahre verheiratet. Aber das war auch meine Schuld, meine Freundinnen hatten mich gewarnt, sie hatten mir geraten, mit dem Zusammenziehen zu warten. Aber ich war einfach nur glücklich gewesen und hatte keine Zeit verschwenden wollen, schließlich schritt ich auf die Dreißig zu. Nun gut, knapp zwei Jahre hatte ich noch bis dahin, aber die Zeit schien mit jedem Jahr schneller zu verfliegen. Und seit ich denken konnte, wollte ich nur eines: heiraten und Kinder bekommen. Dieser übergroße Wunsch von mir wirkte auf Männer manchmal abschreckend, deswegen schien alles perfekt, als Ole mich auf dem letzten Sommerfest unseres kleinen Dörfchens angesprochen hatte. Er hatte sich nicht an meinem Nestbautrieb gestört, im Gegenteil, er hatte es ebenfalls kaum erwarten können, mit mir zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen. Nur irgendwie drängte sich mir immer mehr der Verdacht auf, es ging ihm dabei vor allem um die warmen Mahlzeiten und einen sauberen Haushalt, damit er selbst keinen Finger rühren musste. Vorher hatte er täglich bei seiner Mutter gegessen und seine Wäsche dort abgeladen, und irgendwie schien es für Ole selbstverständlich, dass ich nun diesen Part übernahm. Anfänglich war ich glücklich darüber gewesen, wie sehr er es genoss, von mir umsorgt zu werden, denn ich kümmerte mich gerne um andere. Aber in letzter Zeit stellte ich mir immer öfter die Frage, ob es tatsächlich das war, was ich für den Rest meines Lebens wollte, ob es das jetzt gewesen sein sollte. Was war nur los mit mir? Nun stand ich endlich kurz vor der Erfüllung all meiner Wünsche, und plötzlich war ich unzufrieden.

Sicherheitshalber checkte ich unauffällig die Periodenkalender-App auf meinem Handy: Alles im grünen Bereich. Also redete ich mir ein, dass meine schlechte Laune allein vom Stress auf der Arbeit herrührte und Ole nichts dafür konnte. Nachdem ich mir das dreimal im Stillen gesagt und mit geschlossenen Augen tief durchgeatmet hatte, sah ich Ole lächelnd an.

„Tut mir leid, Ole. Du kannst nichts dafür, es ist nur so, dass die Heilmann mir heute ...“

„Schon gut, ich bin dir nicht böse. Jeder hat mal einen schlechten Tag“, unterbrach er mich gönnerhaft und deutete dann auf das Bügelbrett. „Ich will ja nicht kleinlich rüberkommen, aber die Falten können da so nicht bleiben. Was sollen denn die Kollegen von mir denken, wenn du mich so aus dem Haus lässt.“ Er lachte, während ich ihn nur entgeistert anstarren konnte.

„Benutzt du auch diesen Wäschestärker, den meine Mutter verwendet?“

Mein Kiefer klappte runter, während mein Hirn sich weigerte, darauf überhaupt etwas zu erwidern.

„Macht ja nichts, Schatz. Ich frag sie eben, wie der heißt, dann kannst du ihn morgen besorgen. Ich habe heute auch noch gar nicht mit ihr gesprochen, sie macht sich bestimmt schon Sorgen.“ Er sagte das, als wäre es das Normalste auf der Welt, als sei er ein Zehnjähriger, der Ärger bekam, wenn er seiner Mutter nicht Bescheid gab, wenn es mal später wurde. „Sie zeigt dir bestimmt auch gerne, wie du die Hemden richtig bügelst. Am besten, sie kommt gleich vorbei.“ Geschäftig lief er aus dem Zimmer, und ich fixierte seinen Rücken. Immer noch mit offenem Mund. In dieser Sekunde wurden mir zwei Dinge klar: Ole war ein Muttersöhnchen, na gut, das wusste ich schon länger. Aber niemand war perfekt. Doch was mir bis dahin nicht bewusst gewesen war: Das, was ich mit Ole hatte, war auf keinen Fall das, was ich mir gewünscht hatte. So sah weder die Beziehung meiner Träume aus, noch verhielt sich der Mann meiner Träume so. Mein Traummann rief nicht seine Mami an, damit sie seiner Freundin erklärte, wie sie seine Hemden zu bügeln hatte. Diese Einsicht traf mich mit einer solchen Wucht, dass sie sich bis in den letzten Winkel meines Körpers ausbreitete. Plötzlich war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass ich hier falsch war. Dass Ole der Falsche war. Auch wenn das bedeutete, dass ich meinen Wunsch nach einer eigenen Familie erneut auf unbestimmte Zeit verschieben musste. Ein verbrannter Geruch stieg in meine Nase. Verdammt! Ich riss das Bügeleisen hoch, aber es war zu spät, das heiße Metall hatte sich bereits in Form eines braunen Dreiecks auf dem weißen Stoff verewigt.

„Meine Mutter kommt in zehn Minuten“, schallte Oles Stimme aus dem Wohnzimmer herüber. Schlagartig kam Leben in mich. Mit der eben erlangten Gewissheit über die Zukunft unserer Beziehung wusste ich eines ganz sicher: Ich ertrug das hier keinen Tag länger. Ach was, keine Stunde länger. Und ich würde auf gar keinen Fall eine weitere Nachhilfestunde in Sachen Haushaltsführung von Oles Mutter über mich ergehen lassen. Ich stellte das Bügeleisen an die Seite und begann eilig, ein paar Sachen in eine Reisetasche zu stopfen. Als ich mit klopfendem Herzen meinen Kulturbeutel aus dem Badezimmer holte, hielt ich kurz inne und betrachtete mein Spiegelbild; fragte mich, ob das jetzt eine Kurzschlussreaktion war. Die Aufregung war mir anzusehen, an meinem Hals hatten sich rote Flecken gebildet, passend dazu hatten sich ein paar blonde Strähnen aus dem Zopf gelöst und standen wirr von meinem Kopf ab, aber meine blauen Augen sahen mich voller Entschlossenheit an. Die Türklingel ertönte, und der Moment des Zweifelns war vorüber. Der Pizzaservice. Oles Mutter besaß selbstverständlich einen Schlüssel, und sie hatte es noch nie für nötig gehalten, die Klingel zu benutzen. Als ich aus dem Badezimmer trat, klingelte es erneut.

„Gehst du mal bitte? Die Nachrichten laufen gerade.“

„Ja“, antwortete ich automatisch, während ich mir meine Tasche vom Bett schnappte. Ich war schon bei der Tür des Schlafzimmers angelangt, als mein Blick am Bügelbrett hängen blieb. Nach kurzem Zögern ging ich zurück und gab dem Bügeleisen einen kleinen Stoß, so dass es mit der Unterseite voran auf Oles Hemd kippte. Das ja eh schon ruiniert war.

Mit einem Lächeln öffnete ich dem Pizzaboten, ging aber geradewegs an ihm vorbei die Treppe im Hausflur hinunter. Als ich die Tür zur Straße aufstieß, hörte ich Ole von oben rufen. „Femke? Femke, wo willst du hin? Meine Mutter kommt doch gleich!“

Ich setzte mich in meinen roten Fiat und schlug die Tür zu. Oles Stimme verstummte, und ich atmete durch.

Frei. Ich fühlte mich frei.